Democracy to go: Über das Missverständnis, Demokratie sei eine Sache für Politiker

Gestern gegen 21 Uhr platzte es, offenbar über die letzte halbe Stunde angestaut, regelrecht empört aus ihm heraus:

„Aber ich sage es hier mal ganz deutlich: Wir sind auch nicht dazu da, Ihren Job zu machen!“

So erklärte ein Mitglied einer Elterninitiative in der tiefsten niedersächsischen Provinz dem Stadtratsmitglied, was es von dem Vorschlag hält, die eigenen Punkte und Fragen an die Verwaltung zum Thema Kinderbetreuung doch parallel auch einfach mal der Fraktion in die Hand zu geben, auf die die Verwaltung möglicherweise schneller und gründlicher antworten könnte.

Der „Job“ eines mit 200 Euro Aufwandsentschädigung abgespeisten Lokalpolitikers ist es also demnach, hellsehen oder wenigstens verdammt gut raten zu können, was dieser oder jener Bürger möglicherweise auf dem Herzen haben könnte. Es könne doch nicht sein, so der Vertreter der Elterninitiative, dass sie sich als Betroffene nun schon Monate mit einem politischen Thema beschäftigen müssten. Dazu seien doch Politiker da.

Der Hinweis des so angegangenen, dass sein richtiger Job der eines Rechtsanwaltes mit 50-60-Stundenwoche wäre und alles, was mit Politik zu tun hat vollständig in seiner Freizeit stattfinden würde, verpuffte wirkungslos.

Das war der Moment, in dem ich mich so gefragt habe, ob diese Herrschaften eigentlich mit ehrenamtlichen Feuerwehrleuten ähnlich hart ins Gericht gehen, wenn ihnen deren Arbeit nicht gefällt.

Dieses Gemeinwesen organisiert sich nicht von selbst. Es funktioniert, weil Millionen Bürger ständig und über Jahre engagiert sind. Meistens übrigens in Dinge, die sie persönlich so gar nicht betreffen.

Den Engagierten dann vors Schienbein zu treten und sie dafür anzupampen, dass man selber sich nun gezwungen sieht, von Eigeninteresse getrieben einige Monate der eigenen Lebenszeit mit genau dem langeweiligen und nervigem Scheiß zuzubringen, den andere ihnen für lau über Jahre abnehmen, das zeugt doch von einem höchst interessanten Blick auf die Welt.

Ins Bild passt, dass folgerichtig auch der Hinweis, man würde übrigens bei jeder Kommunalwahl händeringend nach Kandidaten auch ohne Parteibuch suchen, komplett ignoriert wurde.

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