Lebensnähe, Effizienz und technisches Verständnis vs. EU-Kommission

Als Bürger kennt man das: Wenn man erfährt, dass die EU-Kommission wieder mal über die Verbesserung der Welt nachdenkt, frag man sich sofort: Okay, was wird denn wohl diesmal verboten? Ölkännchen und funktionierende Staubsauger waren ja schon dran, what’s next?

Dieses Mal hat man in Brüssel den Evergreen Handy-Ladekabel wieder aufgewärmt. Die sollen nämlich einheitlicher werden.

Mal wieder.

Begründung ist nicht, wie man denken könnte, Verbraucherschutz, bzw. Kundenzufriedenheit – sondern Vermeidung von unnötigem Elektroschrott. Okay, kann ich sogar ansatzweise nachvollziehen.

Aber: Damit beschäftigt man sich dort jetzt auch schon seit locker 10 Jahren! Schon seit 2009 gibt es entsprechende Vereinbarungen der Hersteller – gewiss auch irgendwo auf Druck der EU-Kommission. Davor hatte wirklich noch jeder Hersteller seine eigenen Stecker. Und ja: Das war gar nicht mal so geil.

Wie sieht es heute aus? Ich nutze aktuell mein drittes Smartphone mit USB-A-Stecker an der einen und USB-C an der anderen Seite und hatte das mittlerweile so für den Standard gehalten. Zusammen mit Micro-USB an der Handy-Seite, das davor viele Jahre Standard war, offenbar nicht totzukriegen ist und wovon ich auch noch zig Kabel rumliegen habe.

Ja, ich weiß: Es gibt da auch noch Apple mit seinem Lightning-Anschluss, der wiederum ein absoluter, mit nichts Anderem kompatibler Sonderweg ist. Typisch Apple eben. Aber das ist eigentlich noch viel weniger ein Problem, weil sowieso überall vorhanden, wo Apple-Geräte im Einsatz sind und normalerweise wechselt man ja nicht alle 2 Jahre zwischen Apple und Android hin und her.

Kurzum: Die Einheitlichkeit von Ladekabeln ist eigentlich ein im Großen und Ganzen gelöstes Problem, weil es genau drei verschiedene Standards gibt, was die Stecker betrifft.

Was überhaupt nicht gelöst ist und interessanterweise ausgerechnet die EU-Kommission offenbar überhaupt nicht interessiert, obwohl das dem Ziel Müllvermeidung sehr viel stärker weiterhelfen könnte, ist das Ausbleiben einheitlicher Standards zum Schnellladen.

Denn da hat nicht nur jeder Smartphone-Prozessorhersteller seine eigenen Standards, sondern zusätzlich auch noch diverse Hersteller. Und nicht genug damit, das Powerbanks und Ladestecker normalerweise immer nur mit einem dieser Standards kompatibel sind, man braucht auch grundsätzlich immer noch ein Kabel, dass genau diesen Standard zufällig auch grade unterstützt. Das perfekte Technik-Chaos!

Das bedeutet: Im schlimmsten Fall können wir uns von Powerbank über Ersatz-Ladestecker bis hin zum Kabel komplett mit neuer Lade-Infrastruktur eindecken, wenn wir uns mal ein neues Handy holen. Jedenfalls, wenn wir die Schnelllade-Funktion denn nutzen wollen. Aber da mittlerweile jeder Hersteller offensiv mit einer solchen wirbt, scheint das ja durchaus etwas zu sein, dass Leute gerne und häufig nutzen. Ist ja auch ganz objektiv eine sinnvolle und hilfreiche Geschichte.

Nun bin ich überhaupt nicht der Meinung, dass ausgerechnet die EU-Kommission die Instanz ist, die hier für einen einheitlichen Standard sorgen sollte, geschweigedenn über das technische Know-How verfügt, dass überhaupt zu können. Und ob das eigentlich technisch und patentrechtlich alles umsetzbar wäre, steht auf einem noch wieder ganz anderen Blatt.

Am Versagen bei den vergleichsweise einfach zu standardisierenden Kabeln, bzw. den Steckern an ihren Enden sieht man ja, wie völlig überfordert man in Brüssel mit solchen Themen ist.

Halten wir fest: In der EU-Kommission beschäftigt man sich lieber mit einem seit nunmehr zehn Jahren praktisch gelösten und für den Kundenalltag absolut keine Rolle mehr spielendem Pseudo-Problem. Ignoriert, bzw. kriegt aber gleichzeitig nichts davon mit, dass inzwischen ganz andere Umstände zu wesentlich mehr Elektroschrott führen, als es die paar Kabel je getan haben.

Statt die eigene Arbeit, die eigenen Ziele und die eigenen Erfolge hin und wieder mal kritisch zu hinterfragen, beißt man sich seit einem Jahrzehnt an einem vergleichsweise irrelevanten Thema fest.

Das sagt, fürchte ich, erschreckend viel über Lebensnähe, Effizienz, technisches Verständnis und in Summe auch über den Sinn einer EU-Kommission aus, die – das kann man hier wörtlich nehmen – in jede Jeans- und Damenhandtasche hineinregieren will.

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