Jens Spahn macht Dich zum Organspender (ob Du willst oder nicht)

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn nimmt sich eines wichtigen Themas an: Es gibt zu wenig Organspender in Deutschland, Menschen sterben deswegen. Es ist nicht nur richtig, das zu thematsieren, es ist natürlich ganz einfach sein Job, sich zu überlegen, wie man daran etwas zum Positiven ändern kann.

Allerdings visiert er nun statt verschiedener denkbarer sinnvoller Lösungen ausgerechnet eine an, die wirklich gar nicht geht: Nämlich die sogenannte „Widerspruchslösung“.

Die macht nämlich automatisch jeden zum Organspender, sofern er nicht widerspricht. Wie genau dieser „Widerspruch“ aussehen darf, kann oder muss, ist zwar noch völlig offen. Fest steht aber, dass dieser Widerspruch notwendigerweise jederzeit mitgeführt, auffindbar und erkennbar sein muss, damit er funktionieren kann, denn die Entscheidung muss im Notfall nunmal innerhalb sehr kurzer Zeit getroffen werden.

Das bringt sofort praktische Probleme mit sich. Denn: Wird kein Widerspruch gefunden, ist man Organspender. Vergisst man seinen Widerspruchszettel, ist man Organspender. Hat man sein Portemonaie nicht dabei, in dem der Widerspruch sonst lagert, ist man Organspender. Wird man überfallen und abgestochen und nimmt der Täter einem das Portemonaie mit, ist man Organspender. Haben die Retter zu wenig Zeit, zwischen Ableben und dem spätest möglichen Zeitpunkt, die Entscheidung Spender ja/nein diesen verdammten Zettel zu finden, ist man Organspender.

Man kann sich wirklich haufenweise Szenarien denken, in denen diese Widerspruchslösung in Wirklichkeit gar keine Lösung ist, wenn wir als sinnvolles Ziel dieser Lösung voraussetzen, dass eine Organspende ausdrücklich nur dann passiert, wenn der Spender auch wirklich ein Spender sein will. Die „Spendenbereitschaft“ definiert sich dann nicht mehr dadurch, dass man sie jemals tatsächlich irgendwie zum Ausdruck gebracht hätte, sondern sie wird im Zweifel einfach vorausgesetzt.

Das meiner Meinung nach Schlimmste daran ist, dass der Staat mit so einer Regelung so tut, als wären unser aller Organe im Prinzip sein Eigentum – es sei denn, wir widersprechen ausdrücklich und hoffen, dass dieser Widerspruch dann auch gefunden und zur Kenntnis genommen wird. Ich finde das dahinter stehende Menschenbild, dass die Körper und Innereien sämtlicher Bürger mal schnell zum faktischen Eigentum des Staates erklärt, ziemlich besorgniserregend und abartig.

Natürlich ist eine solche Regelung aber äußerst effektiv. Denn die Leute sind faul und es werden bei weitem nicht alle widersprechen und permanent daran denken, diesen Widerspruch mit sich rumzutragen, die eigentlich nicht Organspender sein wollen. Das sehen wir ja schon daran, dass garantiert auch heute schon nicht jeder weiß, dass er nur dann Organe spenden kann, wenn er einen Ausweis besitzt und den möglichst immer bei sich trägt.

Und da liegt meiner Meinung nach auch schon der Hase im Pfeffer, beziehungsweise die bessere Lösung auf der Hand: Gebt den Leuten doch einfach verdammt noch mal Ausweise! Scheißt sie zu damit, schickt ihnen einen mit jeder Steuerkarte oder legt einen jedem Schreiben der Krankenkasse bei, legt sie in Arztpraxen aus und so weiter. Es wird aktuell fast nichts dafür getan, dass möglichst viele Leute mit so einem Ausweis rumlaufen.

Ich trage seit über 10 Jahren so einen Ausweis mit mir rum. Aber nur, weil ich mich aktiv mal schlau gemacht und drum gekümmert habe. Reiner Zufall also. Logisch, dass auf diese Weise weniger als möglich und leider auch nötig dabei rumkommt.

Hier sollte man ansetzen, statt eine solche – meiner Meinung nach völlig menschenverachtende – Widerspruchslösung einzuführen, die zwangsläufig dazu führt, dass extrem viele Organspenden gegen den Willen des jeweiligen Spenders passieren werden.

Sofern die kommt, werde ich mir übrigens aus Protest einen neuen Ausweis besorgen – der dann diesen Widerspruch ausdrückt. Ein solches System und ein derartiges Menschenbild möchte ich nämlich nicht unterstützen.

Bemerkenswerte Randnotiz: Wer sich ein bisschen mit dem seit Mai verbindlich geltendem neuen EU-Datenschutz beschäftigt hat, bzw. beschäftigen musste, der personenbezogene Daten für so heilig erklärt, dass so gut wie nichts mehr ohne aktive Zustimmung damit angestellt werden kann, kann über diese Spahn-Idee eigentlich nur den Kopf schütteln. Die – nur sehr leidlich als „personenbezogen“ definierte – IP-Adresse jedes Besuchers meiner Internetseite darf ich zum Beispiel nicht speichern, wenn ich nicht die Ausdrückliche Zustimmung desjenigen habe. Aber ihm seine Leber und Niere entnehmen, sofern er hirntot umfällt, das soll demnächst einfach so gehen, dazu braucht es keinerlei Zustimmung mehr. Wow.

Fassen wir also mal zusammen: Die sogenannte „Widerspruchslösung“ ist voraussichtlich effektiv wie sau. Gleichzeitig steht sie in krassem Missverhältnis zu den aktuellen Regelungen zum Beispiel im Datenschutz, führt überdies zu kaum lösbaren praktischen Problemen bei der Umsetzung und offenbart nicht zuletzt ein ziemlich widerliches Menschenbild seitens des Staates gegenüber seinen Bürgern.

Alles in Allem klingt das nach einer ganz normalen CDU-Idee. Ich wage daher die Prognose, dass es exakt so kommen wird.

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