Die Parlamentsbesichtigung: Ein Reisebericht aus Brüssel

Ein Parlamentsbau so bürgernah, als wäre er aus "1984".
Ein Parlamentsbau so bürgernah, als wäre er aus „1984“.

Es ist 8 Uhr morgens und ich bin noch leicht verkatert. Das Hotel hat nämlich eine Bar, die Bar hat günstiges Bier und so ging es halt ein wenig länger gestern. Es bricht mein zweiter Tag in Brüssel an. Ich bin mit einer Reisegruppe und auf Einladung einer Abgeordneten hier. Also letztlich auf Kosten des Steuerzahlers, der sowas dankenswerterweise mehrmals im Jahr bezahlt. Sehr nobel von Dir, lieber Steuerzahler. Ich versuche aber schnell fit zu werden, denn heute geht es ja ins Parlament!

Parlament? Himmel, der Komplex ist flächenmäßig größer als die Winsener Innenstadt. 15.000 Menschen plus Besucher bevölkern ihn und die Gebäude wirken so bürgernah, als entstammten sie direkt den orwellschen Phantasien aus „1984“. Denke ich, bis wir reingehen – und ich kurz über die absurd winzige Drehtür schmunzeln muss. Selbst Karstadt hat größere, wen wollen die denn hier verarschen mit ihrem albernen Understatement?

Im EU-Parlament steht ein EU-Parlament. Wenn doch nur das große auch nur aus Papier wäre...
Im EU-Parlament steht ein EU-Parlament. Wenn doch nur das große auch nur aus Papier wäre…

In der Vorhalle verweisen mit Comic Sans beschriftete Schilder auf den Ausgang. Von allen Orten, von denen aus man den Ausgang suchen könnte, ist die Eingangshalle garantiert der, an dem man am wenigsten ein solches Schild nötig gehabt hätte. Ich beginne, Europa als auf schildbürgerliche Art konsequentes Gesamtkunstwerk zu begreifen und mache mich, gemeinsam mit der Gruppe, auf den Weg durch das Raumschiff EU-Parlament.

Wir sehen viele Räume. Kein einziger Ausschuss-Saal ist keiner kleiner als Niedersachsens Landesparlament, manche sind größer als der Bundestag. Die Flure, die diese Räume verbinden sind groß genug für mehrere hundert Kreistage.

Die Flure sind groß genug, um hunderte Kreistage darin.unterzubringen
Die Flure sind groß genug, um hunderte Kreistage darin.unterzubringen

Wir lauschen einer Sitzung des Verkehrsausschusses. Es geht um den Eisenbahnverkehr. Michael Krahmer von den Grünen freut sich nach eigenen Angaben ganz außerordentlich, zufällig dann zu reden, wenn gerade Besucher aus Deutschland da sind, sagt er. Der Präsident verbessert ihn umgehend: „No, Michael, they are from lower saxony.“ Ich klatsche Beifall. Bis ich merke, dass es außer mir keiner tut.

Weiter geht es durch die unendlichen Weiten des Raumschiffs. Ich sehe viele Fernseher. Hauptsächlich Röhrenfernseher. Lange nicht mehr so viele Röhrenfernseher in einem Gebäude gesehen. Offenbar haben sie also doch irgendeine Albernheit gefunden, bei der sie Sparsamkeit vortäuschen können, grinse ich in mich hinein.

Röhrenfernseher. Hier ist man sparsam.
Röhrenfernseher. Hier ist man sparsam.

Noch einmal wird erklärt, wie das Europaparlament „arbeitet“. Es fallen Begriffe wie „demokratischer Reflex“, „delegierte Rechtsakte“, „Schattenberichterstatter“.

In den Ausschusssäälen fallen vor allem die Kabinen für die Dolmetscher auf. Sie erstrecken sich rings um die Sääle. Auf zwei Stockwerken. Denn jede Sprache muss ja in jede andere übersetzt werden. Europa hat verdammt viele Sprachen. Wenn aus wunderbarer Vielfalt idiotischer Irrsinn wird.

Als Besucher sitzt man auf voll ausgestatteten Parlamentarierplätzen. Mit Mikrofon und Kopfhörer, Abstimmungskonsole (leider abgeschaltet, ich habs ausprobiert), Kaffeetasse und Miniflasche Mineralwasser.

Die Führung geht weiter und auch die Erläuterungen. Es gibt einen Turm für Konservative, Abgeordnete werden mit 7800 netto für ihren harten Job entschädigt. Plus Sitzungsgelder natürlich, hihi. Die Hauspost kommt in Munitionskisten, sagt die Mitarbeiterin der Abgeordneten. „Wir haben das mal gegoogelt.“ Ich fühle mich eher bestätigt als irritiert, als ich das höre.

Das Parlament zahlt keine Mehrwertsteuer, denn es gilt als exterritorial. Wenn nicht sogar extraterrestrisch, denke ich noch so. Die Mitarbeiterin zeigt uns die bayerische Landesvertretung. „Spitzname: Schloss Neu-Wahnstein,“ merkt sie schief grinsend an. Als wenn Leute, die ausgerechnet hier arbeiten, irgendeinen Anlass hätten, dieses „Schloss“ lächerlich zu finden.

Europa hat nicht nur einen Wert, es hat auch seinen Preis.
Europa hat nicht nur einen Wert, es hat auch seinen Preis.

Es geht schließlich Richtung Ausgang. Vorher noch Erinnerungsfoto vor dem EU-Fahnenmeer und dem Andenkenshop. In letzterem erwäge ich kurz, ein EU-Sparschwein zu kaufen, weil mir die Ironie so gut gefällt. Die Burschen wollen für das gute Stück nämlich 15,90 Euro haben, was mir schlagartig das Westerwelle-Wort vom Europa, das nicht nur seinen Wert, sondern auch seinen Preis hätte in Erinnerung ruft.

Lasse es dann aber doch sein und lege das Geld lieber im „Café Delirium“ in Starkbier an, bevor es am kommenden Tag ausgerechnet ins Währungskommissariat der EU geht.