Corona-Tagebuch: Makenpflicht ante Portas

Gestern hat es im Nachbardorf gebrannt. War ein ziemlich großer Brand, weil ziemlich großes Haus. Zum Glück offenbar keine Verletzten, obwohl die Bewohner zuhause waren, als es ausgebrochen ist. Haus wohl Totalschaden.

Leute, die als Feuerwehrmann im Einsatz waren, erzählten hinterher, dass man da nun ja wenigstens endlich mal wieder legal Leute treffen konnte. In so einem völlig absurden Rahmen und natürlich hat man auch nicht wirklich Zeit gehabt, sich über irgendwas zu unterhalten.

Aber in der Not frisst der Teufel Fliegen – und nach über 5 Wochen Coronatäne muss man eben selbst kleinste soziale Kontakte feiern, wie sie fallen. Einmal mehr zeigt sich: Absurde Zeiten.

Aber als wäre Corona, als wären die ganzen Beschränkungen, als wäre all das nicht schon beschissen genug, nerven Neunmalkluge und Erleuchtete mit ihrem Kack rum und verbreiten ihren Schwurbelkram.

Folgendes Zitat-Fundstück einer Person über die Corona-Krise muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen:

„Ich hatte von Beginn an ein warnendes Gefühl im Bauch. Und auf diese Gefühle verlasse ich mich blind!“

Was sie damit sagen wollte ist wohl: Seht her, ich war der erste Zweifler und jetzt sehen alle, dass ich Recht hatte. So denkt sie vermutlich auch wirklich. Ist es nicht furchtbar, wie manche Leute drauf sind?

Irgendwelche individuellen Gefühle für relevanter als Fakten zu halten ist wirklich so eine Haltung, mit der ich gar nichts anfangen kann. Ich halte sie aber auch für äußerst gefährlich. Weniger in Zeiten von Corona, da sind die Beweggründe für die Verbreitung irgendwelcher Märchen eigentlich nebensächlich. Sondern eher grundsätzlich.

Diese Person braucht gar keine Fakten, gar keine Beweise für oder gegen irgendwas. Sie hat ihr Gefühl, auf dass sie sich blind verlassen kann. Fast beneidenswert. Fast.

Ebenfalls gestern: Videokonferenz FDP-Kreisvorstand. Formlos, gab keine Tagesordnung, sondern wir haben einfach etwas geplaudert. Was an unseren Schulen teilweise so läuft, spottet jeder Beschreibung. Das Bildungssystem hat offenbar bisher weitgehend ohne digitale Infrastruktur in einer Art technologischem Vakuum existiert.

Ich bin schon sehr lange raus aus der Schule aber als ich sie ende der 1990er verließ, waren Computer für Schule und Lehrer so ein Mysterium, von dem maximal 1-2 Lehrer ein bisschen was verstanden hatten, der Rest gab einem im Zweifel auch mal eine Sechs, wenn man Hausaufgaben mit dem Computer gemacht und ausgedruckt hat.

Wie gesagt: Lange her. Dachte ich bisher jedenfalls. Aber es scheint seitdem an der digitalen Front nicht allzu viel anders geworden zu sein. Es gibt offenbar Schüler, die privat keinen Zugang zu Computern haben. Wie ist das möglich? Und wie ist es möglich, dass Schule für den Schüler immer noch ohne Computertechnik funktionieren kann?

Und dass, obwohl in Bezug auf Bildung gefühlt seit Jahrzehnten dauernd von Digitalisierung geredet wird. Offenbar aber wirklich nur geredet.

Ich bin dem Schulbetrieb viel zu fern, um halbwegs beurteilen zu können, wo das Problem liegt. Aber es ist einfach traurig.

Und ich finde es auch traurig, dass es den Lehrern praktisch komplett überlassen bleibt, wie sie damit umgehen. Also, ich kann schon verstehen, dass man Lehrer nicht dazu zwingen kann, sich mit Dingen zu beschäftigen, die eigentlich nichts mit ihrem Job zu tun haben sollten. Aber warum, verdammt noch mal, gibt es denn keine fertigen technischen Konzepte vom Land und seiner Schulbehörde?

Lehrer betreuen ihre Schüler aktuell teilweise über eine Ausnahmegenehmigung über WhatsApp oder auch Tools wie Zoom. Während es für beides hervorragende Open-Source-Tools gäbe – und die gibt es auch schon sehr, sehr lange. Einmal ein paar tausend Euro in die Hand genommen und schon steht eine entsprechende Lösung landesweit – die man jawohl nicht nur in Ausnahmesituationen wie jetzt gut brauchen könnte.

Die Praxis sieht aber jedenfalls so aus, dass Schule mindestens bis zum Sommer nicht mehr in nennenswertem Umfang stattfinden wird. Nicht in Niedersachsen und wahrscheinlich auch sonst nirgendwo in Deutschland und vielen anderen Ländern. Das ist jetzt einfach so.

Noch ne bescheuerte News ist mir vorhin zufällig begegnet: In Buxtehude hat eine offensichtlich durchgeknallte Marktmitarbeiterin eines Lebensmittelgeschäftes eine Krankenschwester rausgeschmissen. Weil sie Krankenschwester ist.

Solche Storys bestärken mich irgendwie in dem komischen Gefühl das ich habe, wenn ich an diesen halbherzigen und lächerlichen „Danke“-Bannern vorbeifahre, die irgendwer aufgestellt hat, um Klinikpersonal zu danken. Oder wenn ich von diesen bescheuerten Klatsch-Aktionen höre.

Von denen man mittlerweile allerdings gar nichts mehr hört. Was es nur noch lächerlicher macht: Ein paar Tage hält mans durch und dann ist aber auch irgendwann mal gut.

Nicht falsch verstehen: Klinik- und Pflegepersonal hat echt jeden Dank verdient. Aber wenn sich das in albernen Feelgood-Ritualen erschöpft, bei denen man schon Zweifel haben muss, ob sie überhaupt ernst gemeint sind, und dann andererseits so ein Blödsinn wie in dem Buxtehuder Supermarkt passiert, dann wird doch klar, dass diese Dankbarkeit oft gar nicht real existiert, sondern gruppenkuschelmäßig abgespult wird, „weil man das eben so macht“, aber nicht, weil man es wirklich so meint.

Symbolhandlungen finde ich ähnlich Scheiße, wie Symbolpolitik. Jedenfalls, wenn sich sowas wirklich auf die Symbolik beschränkt und dahinter keine ernsthaften An- oder besser noch Absichten stehen.

Wo wir grade bei Symbolpolitik sind: Ich habe auf Instagram unseren Bürgermeister eine Maske anlegen sehen, mit dem Hinweis, dass es wohl auf Dauer ohne nicht gehen wird. Wolfsburg hat glaube ich als erste Stadt in Niedersachsen auch eine Maskenpflicht eingeführt, verschiedene andere Städte auch, einige Bundesländer komplett.

Und Ministerpräsident Weil soll sowas gesagt haben wir, dass bei Verfügbarkeit von ausreichend Masken auch bei uns eine landesweite Pflicht kommen dürfte.

Als ich 2015 beim (vergangene Woche für dieses Jahr abgesagte) Wacken Open Air gewesen bin, war es ziemlich trocken, hatte ewig nicht geregnet und das auch das ganze Festival über nicht. Dementsprechend war es unheimlich staubig. Im Jahr darauf legte der Veranstalter dem üblichen Goodie-Bag mit Kondomen, Kugelschreibern, Regencape und anderem Gedöns eine Schutzmaske bei. Natürlich herrschte in dem Jahr wieder das übliche Schietwetter. Ich sehe mich noch heute in der 100 Meter langen und teilweise ekelhaft tiefen Pfütze für mein Festivalbändchen anstehen… den Mundschutz habe ich in dem Jahr nicht gebraucht. Und auch später nicht.

Bis heute.

Irgendwann Ende letzten Jahres hatte ich kurz überlegt, sie wegzuwerfen. Weiß der Geier, warum ich es nicht getan habe.

Wo wir grade bei abgesagten Großveranstaltungen sind: Heute wurde das Oktoberfest für dieses Jahr abgesagt.

Und dann war irgendwie der Ölpreis ist negativ.