Augen auf bei der Berufswahl (wenn es zu Höflichkeit schon nicht reicht)

Szene, die sich gerade an meiner Haustür abgespielt hat. 

Es klingelt.

Ich, obwohl gerade ziemlich versunken in technischen Details rund um Freifunk-Router, weil das verdammte Update nicht hinhauen will, lasse sofort alles stehen und liegen und eile zur Tür, öffne sie bereits von oben und begebe mich aber netterweise auch direkt auf den Weg nach unten, weil ich schon sehe, dass der Paketbote die Tür nicht so richtig aufkriegt.

Paketbotin, sehe ich dann, als ich die Tür dann auf kriege. Verdammt, denke ich, die 5000 Flyer sind ja heute schon da. Während ich noch überlege, wie ich die jetzt am besten wohin kriegen soll, sagt sie „drei Pakete für sie?“ und fängt auf mein „jo“ hin murrend an, sie von ihrer Sackkarre zu heben. Ich nehme ihr die aus der Hand und stelle sie selber auf die Treppe. Jedes dieser Dinger wiegt 25 Kilo. Ich werde die später wahrscheinlich alle einzeln diverse Treppen rauf und runtertragen.

„Muss ja einklisch nisch sein, ne Frau das tragen zu lassen,“ mault sie mich an bei Paket zwei unvermittelt an.

Ich sage dazu etwas verdattert gar nichts, denke aber noch so bei mir ja, deswegen lass ich die Dich ja auch nicht durch die Gegend schleppen, sondern nehme sie Dir direkt an der Tür ab und bugsiere sie einfach selber an ihren eigentlichen Bestimmungsort. Wäre jetzt keiner zuhause gewesen, hättest Du die wahlweise wieder in Deinen LKW wuchten können oder eben irgendwo anders ablegen müssen, was aufs Gleiche rausgekommen wäre. Sorry, dass ich die Tür geöffnet habe.

Nachdem ich ihr ihr meine Unterschrift gegeben habe, sage ich noch freundlich Tschüß und mache mich daran, die Pakete die Treppen hoch zu tragen.

Und währenddessen plagen mich zwei Fragen:

  1. Wenn man meint, dass man als „ne Frau“ keine 25-Kilo-Pakete heben sollte, warum sucht man sich dann ausgerechnet zielsicher einen Job bei UPS?
  2. Wenn man der Meinung ist, dass man, obwohl man – ohne mein Verschulden – versehentlich bei UPS arbeitet, eigentlich ein Recht darauf hat, dass der Kunde einem die Arbeit abnimmt, wäre es dann nicht klüger, den einfach mal nett zu fragen?

Hätte sie, statt rumzumaulen, einfach gesagt, dass ihr das eigentlich zu schwer ist und mich gebeten, die Dinger von der Karre zu heben, hätte ich das anstandslos und wesentlich freundlicher getan, als sie das nun tun musste. Und zwar obwohl das auch für mich eine ziemliche Asterei ist.

Wir hätten beide hinterher ein gutes Gefühl gehabt. Sie, weil sie einen netten Kunden getroffen hätte und ich, weil ich jemand wildfremdem einfach so einen Gefallen tun konnte, der mich nicht mal was kostet.

Stattdessen frage ich mich jetzt, was zum Teufel mit jener Dame eigentlich nicht stimmt, die ihrerseits vermutlich bis mindestens zur Mittagspause über einen ihrer Meinung nach stinkfaulen Kunden, der sie einfach unwidersprochen ihren Job erledigen lässt, flucht.

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